Manchmal ist die Gleichgueltigkeit der Peruaner ihren Mitmenschen gegenueber ziemlich erschreckend. Am Sonntag waren AA und ich mal wieder in Sicaya zum Mittagessen eingeladen und hatten einen Riesenspass mit allen drei Generationen der Familie. Nur Señor Edmundo war abgaengig, denn er musste in einem etwas entfernten Dorf Fotos schiessen (als Nebenerwerb bietet die Familie "Filmaciones" an). Ploetzlich jedoch betrat ein voellig zer- und verstoerter Edmundo die Kueche und brach in Traenen aus. Er hatte einer Gruppe Leute, die mit der zu filmenden Familie offenbar verwandt waren und weiter abgelegen geparkt hatten, geholfen, etwas auf dem Dach von deren 4x4-Drive-Wagen (damit sollte der Typ und die Groesse des Wagens veranschaulicht werden) festzuschnallen. Dabei jedoch hatte er offenbar das Gleichgewicht verloren und war rueckwaerts vom Dach auf Kopf und Ruecken gestuerzt. Doch anstatt dem armen Mann ( er ist so Mitte 50), der erstmal das Bewusstsein verloren hat, zu helfen und ihn in ein Krankenhaus zu fahren, hat man ihn, weil man dachte, er sei tot (das hat er die Leute tatsaechlich so sagen hoeren), einfach in der Pampa liegen lassen und ist losgefahren. Geistesgegenwaerig und trotz seiner enormen Schmerzen hat er sich noch das Kennzeichen des Wagens auf die Hand notiert. Viel hat ihm das allerdings auch nicht genutzt, denn als er endlich irgendwie zu einer Polizeistation gefunden hatte, hat man ihm dort erstmal Geld dafuer abgeknoepft, sich ueberhaupt der Sache anzunehmen (man kann von Glueck reden, dass er welches dabei hatte) und ihn dann auch noch ausgelacht. Vier Stunden spaeter kam er dann nach seiner Odyssee endlich zuhause an, doch die Stelle, bei der er sich laut Polizeibericht fuer eine Untersuchung melden sollte, scheint sonntags geschlossen.
Auch die Familie war offensichtlich voellig ueberfordert mit der Situation und niemand ausser AA und mir hat wirklich dafuer plaediert, eine Notaufnahme aufzusuchen. Dafuer muesste einem schon das Bein abfallen. Ausserdem will das ja auch alles bezahlt werden... Señora Lourdes hat sich erstmal wieder an den Herd gestellt und Edmundo zum Essen animiert. Als ob er mit diesen Schmerzen etwas haette essen koennen. AA hat waehrenddessen telefonisch den Kontakt zu einer Hilfsstelle fuer Campesinos hergestellt, die in derartige Situationen geraten. Ich hoffe, dass diese Edmundo dabei unterstuetzen, diese Mistkerle zur Rechenschaft zu ziehen. Irgendwann kam dann ein Cousin vorbei, der wohl Arzt ist, aber die ca. 4 cm grosse Schnittwunde auf Edmundos Kopf hab ich den auch nicht naehen sehen. Schliesslich hat man ihn dann wenigstens endlich ins Bett gebracht und mit Diclofenac vollgepumpt. Ohne vorheriges Roentgen oder aehnliches.
Neben seinen Schmerzen hat Edmundo allerdings vor allem die Gleichgueltigkeit seiner Mitmenschen tief verletzt. Er konnte nicht fassen, was da mit ihm geschehen war, dass man ihn wie ein Stueck Abfall einfach hat liegen lassen. Und wem kann man denn noch vertrauen und in welchem Land lebt man, wenn man schwerverletzt auch noch von der Polizei ausgelacht wird?? Vor allem, wenn man selber so darum besorgt ist, seine eigenen Gaeste mit der groesstmoeglichen Gastfreundlichkeit zu empfangen und in seine Familie aufzunehmen.
Zwar hat mich das Ausmass dieser menschenverachtenden Aktion ausserordentlich erschreckt, doch wirklich ueberrascht war ich nicht. AA hat in der Zeit meines Aufenthalts bereits zweimal aelteren Frauen, die auf der Strasse ohnmaechtig geworden sind, geholfen, waehrend die umstehenden Leute weiter mit dem Handy telefoniert haben oder einfach weitergelaufen sind. In allen Geschaeften wird sich gnadenlos vorgedraengelt und Hoeflichkeit ist kein Grundbaustein der hiesigen Erziehung. Dies mag an den haerteren Lebensumstaenden liegen und ist in dieser Verallgemeinerung sicher auch nicht fair, faellt einem aber durchaus ins Auge. Leider.
Dienstag, 27. Mai 2008
Gleichgueltigkeit
Labels:
Gleichgültigkeit,
Peru
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