Dienstag, 5. August 2008

Heimkehr mit Delta

Wie die meisten von Euch ja bereits wissen, bin ich mittlerweile wieder heimgekehrt in heimatliche Gefilde. Auch die Heimreise gestaltete sich als äußerst interessantes Erlebnis.
Den ersten Teil der Strecke, die ca. 9 Stunden andauernde Strecke von Santiago bis Atlanta, habe ich sitzend neben einem Tierarzt verbracht, welcher sich auf den Flugzeugtransport der teuersten Pferde dieser Welt (und wir reden hier wirklich über RICHTIG teure Vierbeinerchen im Bereich von 500 Millionen Dollar und mehr) spezialisiert hat. Es ist nämlich verboten, Pferde künstlich zu inseminieren (jaja, wir sind ins janz schön ins Detail gegangen bei unserer Unterhaltung...) und deswegen müssen diese in regelmäßigen Abständen von Kentucky in die Emirate und wieder zurück und an einige andere geldhaltige Plätze der Welt verfrachtet werden. Der Herr (der außerdem 7 Kinder von 2 Exfrauen und einer aktuellen Frau hat und nebenher noch eine Geliebte, die jünger ist als ich; und der sich außerdem in seinem besten Mannesalter von knackigen 70 noch ein weiteres Kind wünscht - allerdings noch nicht weiß von wem; von seiner Geliebten zumindest nicht, wie er mir versicherte...), hatte natürlich in Windeseile seinen Laptop gezückt und so konnte ich, seine komplette Fotodatei durchstreifend, mannigfache Arten himmlischer Pferdebeförderungsmethoden bestaunen, Einblick in die teuersten Pferderanches der Welt gewinnen und JEDES einzelne (Ex)Familienmitglied (er pflegt mit allen Damen noch regen Kontakt...) beim Grillen, Saufen und beim Strandurlaub kennenlernen. Zum Abschied hat er mir dann noch eine geschmuggelte Flasche Pisco Sour geschenkt, die mir die blöden Amis bei der Einreise (!) allerdings gleich wieder abgenommen haben.



Auf dem Flughafen in Atlanta gings dann gleich spannend weiter, als ich in der Einreiseschlange fürs Fingerabdrucknehmen und Fotomachen an einer indischen Familie, die sich vorher an mir vorbeigeschlängelt hatte und die sich jetzt mit einem uniformierten Grenzbeamten unterhielt, im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit und weils ja eigentlich wurscht ist, ebenso vorbeizog. So angeschissen wurde ich selten von einer mir fremden Person (und aus derart nichtigem Grund), wie von diesem gehirngewaschenen und sich offenbar lediglich über die Macht der Uniform definierenden und sich bei diesem Gefühl wahrscheinlich allabendlich einen runterholenden Mr. America. Was ich mir eigentlich einbilden würde, so einfach an den Leuten hier vorbeizulaufen und überhaupt und wenn ich noch einen falschen Ton von mir geben würde (ich hab natürlich fälschlicherweise erstmal versucht, mich ein bißchen zu verteidigen...), dann würde er dafür sorgen, daß ich mich wieder ganz hinten anzustellen habe (und das war eine verdammt lange Schlange...).
Das Schlimme in solchen Situationen ist ja, daß diese Typen tatsächlich am längeren Hebel sitzen und dich im blödesten Fall solange irgendwo festhalten, bis du Deinen Anschlußflug verpaßt hast (Bekannten von mir passiert), oder dir eine veritable Straftat unterjubeln, die du nicht begangen hast (meinem Vater mal passiert). Also hab ich unter Aufbietung größter psychischer Gewalt gegen mich selbst meine Klappe gehalten und nur innerlich dieses Land und seine Einwohner verflucht und mir geschworen, NIE wieder über Amerika zu reisen. (Was ich dann 10 Minuten später auch überdeutlich auf einer Beschwerdekarte für den Kummerkasten des Flughafens festgehalten habe, damit sie's nur wissen, die blöden Amis....).
Nur nebenbei sei erwähnt, daß sich die arme indische Familie, die ja nun im Zentrum der Auseinandersetzung gestanden hatte, hinterher bei mir dafür entschuldigte, überhaupt jemals an mir vorbeigezogen zu sein und mich schlechten Gewissens und überaus freundlich nötigte (der Uniformarsch war mittlerweile außer Sicht), mich nun wiederum an ihnen vorbeizuschieben.

Nach 9 Stunden Aufenthalt in Atlanta, umgeben von einer nahezu unzählbaren Vielfalt von Fastfoodrestaurants und Kaffeetempeln, konnte ich dann nach der Lektüre einiger der mir liebsten Boulevardzeitschriften das Flugzeug nach München erklimmen und die zweite Etappe von 9 Stunden in Angriff nehmen. Und eigentlich hatte ich mir das auch ganz schön vorgestellt, mit einer interessanten Filmauswahl auf dem Bildschirm am Hinterkopf des Vordermanns und mit ein bißchen Alkohol. Weit gefehlt. Nach dem 6. Reboot des vermaledeiten Panasonic-Filmsystems (Panasonic ist Schuld, so die Stewardess in Erklärungsnot), gaben ich und meine neuen Sitznachbarn (ein netter indischer Geschäftsmann und eine überambitionierte Siemens-Angestellte mit kleiner Profilneurose) jede Hoffnung auf, auch nur ein buntes Bildchen über den Schirm flimmern zu sehen während der kommenden 9 Stunden. Doch stand das amerikanische Bordpersonal seinem uniformierten Bodenvertreter in Sachen Nettigkeit und Service nur wenig nach und sah es keineswegs ein, sich wenigstens mal für diesen Umstand zu entschuldigen oder uns eine Wiedergutmachung für die entstandene Langeweile anzubieten. Erst auf mein Insistieren hin knallte man unserer Reihe leicht genervt ein paar Gin Tonics auf die ausgeklappten Vorderbrettchen und rollte dann von dannen. Daß ich den anschließend servierten Kaffee selbst unter Aufbietung sämtlicher mir bekannter Geschmacksnervabtötungsautosuggestionen nicht runterwürgen konnte, wurde mit einem "Is my coffee really that bad, hihi?!" quittiert. Tee hab ich dann allerdings auch keinen mehr gekriegt.
Also Fazit: Fliegen is auch nich mehr, wasses mal war, und die Amis auch nich.

Hier das Testbild, auf welches wir 9 Stunden zu Starren verdammt waren:


Irgendwann hatte aber auch diese Qual ein Ende und ich wurde daheim von der selten gesamtversammelten Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Schwester am Flughafen abgeholt:


Ja, und damit ich beim Übergang vom chilenischen Winter zum deutschen Sommer einen nicht gar so schweren Schock zu erleiden hätte, wurde mir im anschließend im väterlichen Wohnzimmer erst mal ein Kaminfeuer entzündet...

Samstag, 2. August 2008

Flexible Lebensplanung

In Deutschland wird einem permanent das Gefühl vermittelt, ein Lebenslauf müßte so gradlinig wie möglich verlaufen, ohne größere Abweichungen vom auserkorenen Berufsziel und, noch wichtiger, ohne größere Lücken, in denen man dann angenommenerweise nichts geleistet oder vermeintlich im Knast gesessen hat.
Was aber nun, wenn die große Berufungserleuchtung auf sich warten läßt oder man einfach für ganz viele verschieden Dinge sich interessiert und für diese außerdem noch gleichermaßen talentiert zu sein scheint? Wieviel darf man ausprobieren, wie lange sich austoben, wie lange die Auffahrt auf die einspurige Karriereautobahn ohne Abfahrt und Wendemöglichkeit hinauszögern? Oder darf man vielleicht viel länger als gedacht die Landstraße mit ihrer schönen Natur und ohne die nervigen Überholmanöver der anderen entlangfahren? Und hie und da in dem einen oder anderen Dorf eine Rast einlegen, um sich dieses anzusehen, sich mit den Anwohnern zu unterhalten und vielleicht einen kleinen Laden dort zu eröffnen? Und wenn der dann nicht mehr läuft, wieder in seinen Wagen zu steigen und dann entweder zügig oder zuckeln weiterzufahren...
In Peru machen das ganz viele Leute so. Da ist es keine Schande, sondern eher notwendige Normalität, daß man in seiner beruflichen Entwicklung flexibel bleibt und die Augen nach links und rechts offen hält. Wenns mit dem einen Job nicht (mehr) klappt, sieht man sich schnell nach was anderem um (gerne auch in einer völlig anderen Branche), oder eröffnet vielleicht ganz flux mehr oder minder legal angemeldet ein eigenes Business. Oder man hat - meist aus der finanziellen Not geboren - gleich mehrere Jobs gleichzeitig.
Von den Paralleljobs abgesehen eigentlich kein schlechtes Modell, welches einem bei der Jobsuche vielleicht nicht nur ein wenig den Druck von den Schultern nimmt, verzweifelt auf grader Linie weiterfahren zu müssen und nun sofort den EINEN und RICHTIGEN Job finden zu müssen, der einen wirklich weiterbringt, sondern auch deutlich mehr theoretische und praktische Flexibilität nach sich zieht, die doch sowohl im Privat- als auch Berufsleben nur von Nutzen sein kann. Oder?

Último día en Santiago

An meinem letzten Tag in Santiago bin ich ein letzes Mal mit meinen neuen Freunden Essen gegangen, die trotz ihres straff organisierten, keusch-abstinenten Lernprogramms eine kleine Ausnahme gemacht und zum Abschied mit einem leckeren Glas chilenischem Rotwein mit mir angestoßen haben.




Sehnsucht nach Kultur

Obwohl ja von Beruf Kulturwissenschaftlerin, hab ich bis zu meinem Aufenthalt in Peru irgendwie doch nicht WIRKLICH gewußt, wie wichtig mir "Kultur" ist. Zum einen war diese bislang immer selbstverständlich verfügbar, zum anderen dachte ich allerdings auch, daß man sich ja schließlich, so keine Museen oder Theater zur Hand, auch mit einem Buch aufs Bett knallen und sich auf diese Weise den notwendigen kulturellen Input verabreichen könne. Nach 5 Monaten ohne Kinos (diese wurden in den letzten Jahren nahezu sämtlich von religiösen Vereinigungen aufgekauft, die jetzt darin ganz schauderhafte Predigerveranstaltungen im amerikanischen Stil abhalten), Ausstellungen oder hin und wieder einer kontroversen oder schön konservativen Theaterinszenierung hab ich nun wahrlich erkannt, in welchem Paradies ich in Berlin in den letzten Jahren gelebt habe, wo sich täglich unzählige Möglichkeiten bieten, sich zu günstigsten Preisen nach Lust und Laune und in jeglicher Spielart künstlerisch inspirieren zu lassen.
So lernt man in der Ferne denn auch zu schätzen, was man bislang in der Heimat als gegeben betrachtet hat...